Olaf Schick

"Durch geopolitischen Wandel und wirtschaftliche Volatilität liegt auf der ganzen Branche ein hoher Druck"

21.04.2026

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Olaf Schick ist seit dem 1. Oktober 2025 Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group AG und seit November 2025 Präsidiumsmitglied des Deutschen Verkehrsforums. Bei Mercedes verantwortet Schick das Ressort Integrität, Governance und Nachhaltigkeit. Er ist Jurist und hat den Großteil seiner Karriere bei dem Stuttgarter Automobilkonzern zugebracht. Einige Jahre arbeitete Schick als Vorstand beim Zulieferer Continental. Von Olaf Schick wollten wir wissen, wie in diesen turbulenten Zeiten für die Wirtschaft generell und für die exportorientierte Automobilindustrie im Besonderen nachhaltiges Wirtschaften noch möglich ist. Und was Unternehmen selbst tun können, um ihr Geschäftsmodell abzusichern.

Olaf Schick/ copyright Wilfried Wulff
Olaf Schick/ copyright Wilfried Wulff

Herr Schick, die Automobilbranche steht gerade vor großen Herausforderungen. Internationale Handelsbeziehungen und -regeln sind in Auflösung, das Exportmodell Deutschland gerät ins Wanken, der Umstieg auf Elektromobilität fordert alle finanziellen Kräfte. Gerät Nachhaltigkeit jetzt unter die Räder, weil Prioritäten neu gesetzt werden müssen?

Durch geopolitischen Wandel und wirtschaftliche Volatilität liegt auf der ganzen Branche ein hoher Druck. In solchen Zeiten braucht es umso mehr Governance, Compliance, Risk Management und Nachhaltigkeit als stabile Basis. Wir beobachten sogar eher steigende Anforderungen, zum Beispiel in puncto verantwortungsvolle Lieferketten.

"In solchen Zeiten braucht es umso mehr Governance, Compliance, Risk Management und Nachhaltigkeit als stabile Basis."

Und geht unter solchen Bedingungen noch nachhaltiges Wirtschaften?

Unsere nachhaltige Geschäftsstrategie ist langfristig angelegt. Wir entwickeln sie kontinuierlich weiter – auch und gerade in diesen Zeiten. Im jüngst vorgestellten Global Risk Report des World Economic Forum werden Nachhaltigkeitsrisiken insbesondere im Bereich Klima und Umwelt nach wie vor als die größte Gefahr für die Wahrung von Sicherheit und Wohlstand gesehen. Es mag sein, dass diese Risiken derzeit überlagert werden. Trotzdem gilt: Nachhaltigkeit bleibt eine Grundvoraussetzung für langfristigen Erfolg.

Sie sehen also keinen grundlegenden strategischen Korrekturbedarf?

Für uns gehören innovative Technologien und Elektrofahrzeuge zu einer überzeugenden nachhaltigen Geschäftsstrategie. Wir haben keine außerplanmäßigen Wertberichtigungen vorgenommen, das ist schon mal ein wichtiges Zeichen. Mit unseren neuen Modellen setzen wir Maßstäbe und senken konsequent unseren CO2-Fußabdruck. Außerdem denken wir beispielsweise mit unserem Technologieprogramm Tomorrow XX jedes Bauteil und Material neu, um die Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Was vorher Strategie war, setzen wir damit in die Praxis um.

Und die muss sich auch rechnen.

Wir müssen natürlich die richtige Balance finden zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Kraft. Uns ist es wichtig, den Kunden die Wahl zu lassen. Sie entscheiden am Ende, welchen Antrieb sie wollen.

"Uns ist es wichtig, den Kunden die Wahl zu lassen. Sie entscheiden am Ende, welchen Antrieb sie wollen."

Das Verbrenner-Verkaufsverbot der EU ab 2035 ist heftig umstritten. Dabei wäre - sagen selbst Vertreter der Autoindustrie - der Umstieg auf Elektromobilität technisch eigentlich kein Problem mehr. Wäre die EU besser beraten, die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen zu unterstützen, statt Herstellern Vorschriften zu machen?

Wir unterstützen eine marktgetriebene Transformation hin zur Elektromobilität ohne gesetzlich vorgeschriebene Quoten und Strafen für Hersteller. Dabei ist für uns klar, dass die batterieelektrische Mobilität der Hauptpfad ist. Wir sollten auf Anreize setzen, nicht auf Verbote.

Die EU-Kommission schlägt nun vor, bei Neufahrzeugen ab 2035 das bislang geltende 100-prozentige CO2-Verbot auf 90 Prozent zu reduzieren.

Sie hat damit die Tür etwas geöffnet. Die Umsetzung darf jedoch nicht zu kompliziert werden.

Solche Befürchtungen gibt es auch bei einem neuen Projekt der EU, den Industrial Accelerator Act. Der soll ja eigentlich Europas Industrie vor unfairer internationaler Konkurrenz schützen.

Grundsätzlich begrüßen wir es, lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Das ist auch aus nachhaltigen Gesichtspunkten sinnvoll. Es darf jedoch nicht zu übermäßiger bürokratischer Belastung für die Hersteller führen.

"Grundsätzlich begrüßen wir es, lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Das ist auch aus nachhaltigen Gesichtspunkten sinnvoll."

Zurück zur Nachhaltigkeit. Mercedes verfolgt ein ungewöhnliches Projekt für einen Autohersteller. Sie investieren Millionen in einen Windpark. So ein Vorzeigeprojekt muss sich am Ende doch auch rentieren?

Da waren wir sehr vorausschauend, wenn man sich die Steigerungen der Energiepreise anschaut. Es ging uns allerdings vor allem um mehr Nachhaltigkeit in der Produktion, um einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten. Dies war immer Kern der Strategie.

Würde Mercedes dieses Projekt heute unter den neuen Bedingungen noch einmal angehen?

Heute umso mehr. Dekarbonisierung bleibt unser Ziel auf allen Ebenen.

Die „DVFragt nach-Interviews“ geben die Meinung der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner wieder.