Zukunft Automobilstandort Deutschland
König: „Wir brauchen mehr Resilienz und weniger Bürokratie in der Transformation“
08.09.2026
Berlin, 8. September 2026 – Im globalen Wettbewerb gerät die Automobilindustrie in Deutschland zunehmend unter Druck. Prof. Dr. Peter König, ADAC Verkehrspräsident, DVF-Präsidiumsmitglied und Vorsitzender des Lenkungskreises Straßenverkehr, forderte deshalb bei einer Veranstaltung des Deutschen Verkehrsforums eine deutliche Verbesserung der Standortbedingungen: „Niedrigere Energie- und Produktionskosten, weniger Bürokratie sowie mehr Technologieoffenheit bei der Transformation der Mobilität müssen die politische Konsequenz aus der schwachen Lage der deutschen Automobilwirtschaft sein.“
König weiter: „Unsere Kostenstrukturen stimmen im Vergleich zum globalen Wettbewerb nicht mehr.“ Deutschland und Europa müssten deshalb eine resiliente und preiswerte Versorgung mit Energie und Rohstoffen sicherstellen. Gleichzeitig brauche es schnellere Verfahren, mehr Digitalisierung und vor allem einheitliche europäische Regeln statt deutscher Sonderwege.
Auch beim Wandel der Mobilität gelte es, den Blick zu weiten: Die Elektromobilität bleibe zentral, zugleich brauche Europa weniger Restriktionen, sondern Optionen. „Technologieoffenheit und eine resiliente Energie- und Antriebswende sind entscheidend, damit die deutsche Automobilindustrie nicht nur hier, sondern auch international wettbewerbsfähig bleibt und Mobilität zugleich nachhaltig, sicher und bezahlbar gestaltet werden kann.“
Gitta Connemann MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, bezeichnete die Situation der deutschen Automobilindustrie als außerordentlich ernst, doch sei der Anschluss noch nicht verloren. Die meisten Patentanmeldungen in Europa kämen aus der deutschen Automobilindustrie, bis zum Jahr 2029 würden 320 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung und 220 Milliarden Euro in neue Werke investiert - allerdings nicht nur in Deutschland. Connemann sagte, die Krise der Autoindustrie sei eine Standortkrise. „Seit 2019 ist jeder siebte Arbeitsplatz verloren gegangen, die Zahl der Beschäftigten ist 2025 unter 700.000 gesunken. Wir müssen uns fragen, wie wir den Standort fit für die Zukunft machen können.“ Für die Krise machte Connemann drei Gründe aus: schnellere Innovationszyklen im Rahmen des Transformationsprozesses, für die teilweise die Finanzierung fehle, hohe Energiepreise, Regulatorik und eine schwierig werdende Mittelstandsfinanzierung und zuletzt Protektionismus und unfaire Handelspolitik anderer Staaten sowie scharfer Wettbewerb neuer Hersteller. „Die Bundesregierung bekennt sich zum Automobilstandort und seinen Beschäftigten. Wir arbeiten deshalb an verbesserten Rahmenbedingungen. Dazu gehören etwa die Unterstützung von EU-Handelsabkommen, die Anpassung des Industrial Accelerator Act, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie zu stärken oder die steuerliche Förderung der E-Mobilität. Vor allem das Thema Bürokratierückbau werden wir vorantreiben. Dazu wird es unter anderem ein Berichtsentlastungsgesetz geben, das einen Paradigmenwechsel einläuten wird. Und schließlich ist die Technologieoffenheit ein wichtiges Thema. Statt mit Ideologie müssen wir auf der Grundlage von Zahlen und Daten agieren und dürfen uns nicht vom Rest der Welt abkoppeln.“
“Wir begrüßen den sichtbaren Reformwillen der Bundesregierung und die wichtigen Impulse zur Stärkung des Wirtschafts- und Industriestandorts Deutschland“, so Eckart von Klaeden, Vice President External Affairs Mercedes-Benz Group AG. „Dennoch bleibt die Krise der deutschen Autoindustrie auch eine Standortkrise: Hohe Kosten, hohe Abgaben, teure Energie und Überregulierung gefährden Investitionen und Beschäftigung. Transformation gelingt nur mit Wettbewerbsfähigkeit: Elektromobilität, Software und KI erfordern Milliardeninvestitionen. Die Frage ist, ob diese künftig in Deutschland stattfinden können. Jetzt geht es um die Findung konstruktiver Lösungen, damit Wettbewerbsfähigkeit, industrielle Wertschöpfung und soziale Sicherheit zusammenfinden."
Carsten Meinecke, Industry General Manager DACH Manufacturing & Automotive, Senior Managing Director, DXC Technology, warf einen Blick auf die Handelsbeziehungen zu USA und China. So bleibe Deutschland ein starker Automobilstandort, aber der Wettbewerb habe sich verschoben. „Heute entscheiden nicht nur Motor und Karosserie, sondern Batterie, Chips, Software, Daten, Cloud und Infrastruktur. Unsere Stärke ist industrielle Komplexität. Unser Engpass ist die Geschwindigkeit, mit der wir sie in skalierbare Produkte übersetzen.“
Außerdem gebe es keine einzelne Krise, sondern eine Überlagerung: Kosten, Nachfrage, neue Wettbewerber und ein Wechsel der Wertschöpfung zu Batterie, Software und Daten. „Deutschland besitzt weiterhin enorme Stärken in Engineering, Sicherheit und Produktion. Aber der Wettbewerb belohnt heute Geschwindigkeit und Skalierung. Für den Mittelstand wird das besonders hart, weil er parallel das Bestandsgeschäft finanzieren und neue Kompetenzen aufbauen muss. Deshalb brauchen wir weniger Reibung, gemeinsame Plattformen und einen verlässlichen Investitionsrahmen“, erklärte Meinecke.
Ähnlich sah dies Julian Joswig MdB, Berichterstatter für Industrie, Innovation und Transformation der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen: „Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer strukturellen Krise. Aber nicht, weil die Transformation zu schnell geht, sondern weil wir bei Batterien, Software und bezahlbaren Elektroautos zu lange gezögert haben. Deutschland bleibt auch in Zukunft Automobilland, wenn wir jetzt dafür sorgen, dass das Auto der nächsten Generation und die dazugehörigen Schlüsseltechnologien hier in Deutschland und Europa entwickelt und produziert werden.“
Weiter sagte Joswig: „Technologieoffenheit darf nicht dazu führen, dass wir notwendige Entscheidungen immer weiter aufschieben: Bei neuen Pkw ist die Batterieelektrik der zentrale Zukunftspfad und der Markt entwickelt sich klar in diese Richtung. Deshalb brauchen Unternehmen Verlässlichkeit – mit leistungsfähigen Stromnetzen und Ladeinfrastruktur, günstiger erneuerbarer Energie und einer gezielten Förderung, die bezahlbare E-Mobilität mit europäischer Wertschöpfung und guten Arbeitsplätzen verbindet.“
Auch Sebastian Roloff MdB, Wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion machte mehrere Ursachen für die Krise der Automobilindustrie aus: „Zu geopolitischen Unsicherheiten, den US-Zöllen und der wachsenden chinesischen Konkurrenz kommen strukturelle Schwächen am Standort sowie auch strategische Fehler der Unternehmen, gerade mit Blick auf Elektromobilität und den chinesischen Markt. Entscheidend ist jetzt, sich klar auf die Zukunft auszurichten und den mit der E-Kaufprämie, der verlängerten Kfz-Steuerbefreiung und dem massiven Ausbau der Ladeinfrastruktur geschaffenen Rahmen zu nutzen.“
Roloff forderte, wenn andere Wirtschaftsräume ihre Schlüsselindustrien gezielt unterstützten, sei es richtig, dass auch europäisches Steuergeld stärker europäische Wertschöpfung, Arbeitsplätze und technologische Fähigkeiten sichere. In der Frage, ob man bei Vergabe und Förderung europäische Hersteller begünstigen und sie vor unfairen Handelspraktiken stärker schützen müsse, waren die Podiumsteilnehmer uneins. Einigkeit herrschte hingegen bei dem Grundsatz, den Roloff so auf den Punkt brachte: „Gerade für die Automobilindustrie brauchen wir deshalb beides: offene und verlässliche Handelsbeziehungen und eine selbstbewusste europäische Industriepolitik.“