Cybersicherheit im Bahnsektor: Die Gefahr kommt über die Schnittstellen

17.09.2026

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© Deutsche Bahn AG_Max Lautenschläger
© Deutsche Bahn AG_Max Lautenschläger

Die sicherheitskritischen Systeme der Bahn sind gegenüber direkten Cyberangriffen bislang vergleichsweise robust. Das ist die zunächst beruhigende Botschaft von Prof. Iffländer von der Hochschule Dresden beim Lenkungskreis Bahntechnologie. Die größeren Risiken lauern in Lieferketten, externen Dienstleistern und veralteten Technologien.

„Ein Datensatz zu weltweit dokumentierten Cybervorfällen verzeichnet seit 2014 68 Angriffe auf Bahnsysteme. Nur ein einziger hatte unmittelbare Auswirkungen auf eine Safety-Funktion."

Prof. Dr. rer. nat Lukas Iffländer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden griff das Thema Cybersecurity im Bahnsektor auf und zeigte Herausforderungen, Risiken und Lösungsansätze. Iffländer nannte Beispiele aus der Praxis „Ein Datensatz zu weltweit dokumentierten Cybervorfällen verzeichnet seit 2014 68 Angriffe auf Bahnsysteme. Nur ein einziger hatte unmittelbare Auswirkungen auf eine Safety-Funktion. Dennoch wächst die Bedrohung durch indirekte Angriffswege. Das zeigen bekannte Fälle: Beim WannaCry-Angriff 2017 waren Fahrgastinformationen und Fahrkartenautomaten betroffen, nicht aber Stellwerke oder Zugsicherung. Die Sicherheit blieb zwar gewahrt, das Vertrauen der Fahrgäste litt dennoch. 2022 führte der Angriff auf einen IT-Dienstleister im Bereich Disposition in Dänemark sogar zu einem landesweiten Zugausfall, obwohl das Bahnunternehmen selbst nicht kompromittiert war. Der bislang einzige dokumentierte Cybervorfall mit direkter Safety-Auswirkung war der RADIOSTOP-Angriff auf das polnische Bahnnetz 2023, wo der sicherheitsrelevante Zugfunk betroffen war.“

Safety und Security zusammendenken

Lange Lebenszyklen der Anlagen, der Parallelbetrieb moderner und historischer Technologien sowie zahlreiche externe Schnittstellen erschwerten den Schutz. Hinzu komme das Spannungsfeld zwischen Safety und Security. Beide Perspektiven müssten bereits bei Entwicklung und Zulassung berücksichtigt werden. „Beide Heuristiken sind intern richtig. Die Probleme entstehen, wenn nur eine am Design-Tisch sitzt“, so Iffländer. Technisch präferierte Iffländer „Defense in Depth“: Netzsegmentierung, kontrollierte Schnittstellen, Authentifizierung und kontinuierliche Überwachung sollten verhindern, dass der Ausfall einer Schutzschicht das Gesamtsystem gefährde. „Defense in Depth“ erkauft Zeit und erhöht die Kosten für den Angreifer. Es begrenzt den Schaden, wenn eine Schicht fällt“, resümierte Iffländer.

Cybersecurity als Führungsaufgabe

Mit NIS2 und dem Cyber Resilience Act stiegen auch die regulatorischen Anforderungen. Laut Iffländer sei es entscheidend, diese konsequent in Lieferketten und Zulassungsprozesse zu integrieren. Drei Handlungsfelder stünden im Mittelpunkt: Lieferketten und Zulieferer stärker absichern, Forschungs- und Testinfrastrukturen ausbauen und Cybersecurity als Führungsaufgabe verankern.

„Geschäftsleitungen tragen zunehmend unmittelbare Verantwortung für angemessene Schutzmaßnahmen."

„Geschäftsleitungen tragen zunehmend unmittelbare Verantwortung für angemessene Schutzmaßnahmen. Und die größte Herausforderung liegt weniger im sicherheitskritischen Kern der Bahn als an ihren Übergängen: bei Lieferanten, Legacy-Systemen und an der Schnittstelle zwischen Safety und Security. Standards und regulatorische Grundlagen sind vorhanden – entscheidend ist nun ihre konsequente Umsetzung.“

Energietransformation verändert den Schienengüterverkehr

Quelle: VTG/Julius Franke
Quelle: VTG/Julius Franke

Die Energietransformation verändert die Anforderungen an den Schienengüterverkehr. Julius Franke, Head of Asset Segment Liquids, VTG GmbH, zeigte, welche neuen Transportkonzepte insbesondere für CO₂ und Wasserstoff benötigt werden und warum integrierte Logistiklösungen an Bedeutung gewinnen. Die VTG verfügt europaweit über rund 88.000 Güterwagen und ist mit 33 Standorten in 26 Ländern vertreten. „Angesichts komplexerer Transportketten entwickelt sich die VTG zunehmend vom klassischen Vermieter zum integrierten Lösungsanbieter“, erklärte Franke.

CO₂ schafft einen neuen Transportmarkt

Eine zentrale Herausforderung sei der Aufbau neuer CO₂-Transportketten. Zement-, Stahl- und andere energieintensive Industrien werden künftig verstärkt CO₂ abscheiden müssen. Franke: „Dieses muss zu Terminals oder direkt zu Onshore- und Offshore-Speicherstätten gelangen. Neben der Schiene werden dabei Terminals, Schiffe und perspektivisch Pipelines Teil neuer Transportketten. Besonders Unternehmen ohne Erfahrung mit Gas- oder Gefahrguttransporten benötigen Unterstützung. Denn neben dem Transport müssen Be- und Entladung, Sicherheitsanforderungen, Dokumentation und die Koordination aller Beteiligten berücksichtigt werden.“ Auch der Emissionshandel und Nachweispflichten würden eine lückenlose Überwachung der Transportkette erfordern. Zugleich müssten die Systeme robust sein: Verzögerungen beim Transport von verflüssigtem CO₂ können beispielsweise dazu führen, dass CO₂ abgeblasen werden muss oder nachgelagerte Transportmittel warten. „Servicequalität und Systemintegration gewinnen deshalb an Bedeutung.“

Neue Anforderungen an Güterwagen

„Mit der Energietransformation verändert sich auch der Fahrzeugbedarf“, so Franke. Während Transporte fossiler Energieträger wie Kohle und Mineralöl langfristig zurückgingen, entstünden neue Anforderungen für CO₂, Wasserstoff und Wasserstoffderivate.

„Mit der Energietransformation verändert sich auch der Fahrzeugbedarf."

„Teilweise sind dafür neue Wagenkonzepte notwendig, während beispielsweise Biokraftstoffe weiterhin in bestehenden Fahrzeugen transportiert werden können.“ Beim CO₂ kämen unterschiedliche Reinheitsanforderungen hinzu. Industriell abgeschiedenes CO₂ stelle andere Anforderungen als lebensmittelgeeignetes CO₂. Fahrzeugkonzepte sowie Be- und Entladeprozesse müssten darauf abgestimmt werden. Beim Wasserstofftransport sei der Entwicklungsstand noch niedriger. Zwar existierten technische Lösungen und ein Schienentransport sei grundsätzlich möglich, serienreife Produkte stünden bislang nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung.

Flexibilität und Integration werden entscheidend

Franke sagte: „Veränderungen im Energiemix, geopolitische Entwicklungen und Sanktionen verschieben Transportrelationen innerhalb Europas. Damit steigt der Bedarf an modernem Wagenmaterial, das flexibel in unterschiedlichen europäischen Transportketten eingesetzt werden kann.“

„Veränderungen im Energiemix, geopolitische Entwicklungen und Sanktionen verschieben Transportrelationen innerhalb Europas."

Die Energietransformation verändere den Schienengüterverkehr damit weit über neue Transportgüter hinaus. Systemintegration, Sicherheit, Servicequalität und robuste Lieferketten würden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. „Für Anbieter liegt darin die Chance, Kunden künftig nicht nur Wagen, sondern komplette Lösungen entlang der Transportkette anzubieten.“

ERTMS als Schlüssel für mehr Kapazität im Schweizer Bahnnetz

Bildquelle DVF: V. l.: Lehnert (DVF); Dr. van Hoorn (DVF); Rodenbeck, Vorsitzender des Lenkungskreises, CEO Rolling Stock, Siemens Mobility GmbH; Prof. Dr. Iffländer, Galdiks,Franke, Luca Giebeler, Dr. Eck (DVF)
Bildquelle DVF: V. l.: Lehnert (DVF); Dr. van Hoorn (DVF); Rodenbeck, Vorsitzender des Lenkungskreises, CEO Rolling Stock, Siemens Mobility GmbH; Prof. Dr. Iffländer, Galdiks,Franke, Luca Giebeler, Dr. Eck (DVF)

Das Schweizer Bahnnetz gehört bereits zu den leistungsfähigsten Europas. Doch gerade in stark belasteten Ballungsräumen stößt weiteres Wachstum mit klassischen Ausbaumaßnahmen zunehmend an Grenzen.

"Für zusätzliche Kapazitäten muss die bestehende Infrastruktur intelligenter genutzt werden und damit wird die Digitalisierung zu einem wesentlichen Baustein der Kapazitätssteigerung.“

Jens-Erik Galdiks, Leiter ERTMS@Infra, SBB Infrastruktur, zeigte, warum ERTMS (European Rail Traffic Management System) deshalb eine zentrale Grundlage für die nächste Entwicklungsstufe des Schweizer Bahnsystems bildet. “Zusätzliche Gleise und umfangreiche bauliche Erweiterungen bleiben zwar notwendig, sind aber wegen begrenzter Flächen, langer Planungszeiten und hoher Investitionen nicht überall realisierbar. Für zusätzliche Kapazitäten muss die bestehende Infrastruktur intelligenter genutzt werden und damit wird die Digitalisierung zu einem wesentlichen Baustein der Kapazitätssteigerung.“

Präziser steuern statt nur mehr bauen

Die technische Grundlage für eine stärker digitalisierte Bahninfrastruktur sei ERTMS. Im Zusammenspiel mit digitalen Steuerungssystemen, einer intensiveren Datennutzung und automatisierten Prozessen sollen Züge präziser und effizienter geführt werden. Optimierte Zugabstände und Betriebsabläufe führen zu zusätzlichen Kapazitäten, ohne die Infrastruktur baulich erweitern zu müssen. Entscheidend sei dabei, Digitalisierung nicht isoliert zu betrachten. „Die digitale Infrastruktur allein verbessert den Betrieb nicht automatisch: Auch die Fahrzeuge müssen entsprechend ausgerüstet sein und die neuen Möglichkeiten unterstützen.“

„Die digitale Infrastruktur allein verbessert den Betrieb nicht automatisch: Auch die Fahrzeuge müssen entsprechend ausgerüstet sein und die neuen Möglichkeiten unterstützen.“

Damit die Digitalisierung ihre Wirkung entfalten könne, müsse sich auch die Umsetzung verändern. Individuelle Sonderlösungen sollten zugunsten standardisierter und industrialisierter Systeme reduziert werden. Dies ermögliche eine skalierbare Einführung, insbesondere bei digitalen Stellwerks- und Steuerungssystemen. Gleichzeitig könne die Migration nicht auf einen Schlag erfolgen, da der Bahnbetrieb während der Umstellung weiterlaufen müsse. Stattdessen sollten besonders relevante Strecken und Knoten priorisiert werden, um frühzeitig betriebliche Verbesserungen zu erzielen.

Digitalisierung ist mehr als Technik

Sein Fazit: Betrieb, Infrastruktur, Fahrzeuge und regulatorische Rahmenbedingungen müssten gemeinsam weiterentwickelt werden. Erst dieser Systemansatz erschließe das Potenzial für höhere Kapazitäten und eine zunehmende Automatisierung. Galdiks: „Die entscheidenden Erfolgsfaktoren sind eine konsequente Standardisierung, eine langfristige Strategie und die enge Abstimmung aller Beteiligten. So trägt ERTMS dazu bei, das bestehende Schweizer Bahnnetz leistungsfähig zu gestalten – ohne aufwendigen Neu- und Ausbau streckenseitig.“