Deutschland bietet zu wenig Großprojekte für privates Kapital

17.09.2026

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Bildquelle DVF: V. l.: Welker; Peter Coenen, Vorsitzender des Lenkungskreises Infrastruktur
Bildquelle DVF: V. l.: Welker; Peter Coenen, Vorsitzender des Lenkungskreises Infrastruktur

Was wäre, wenn Deutschlands Infrastruktur nicht nur an fehlendem Geld, sondern auch an fehlenden Beteiligungsmodellen scheitert? Im Lenkungskreis Infrastruktur machte Aida Welker von der KfW IPEX-Bank deutlich, wo sie Potenzial sieht: bei mehr privatem Kapital, neuen Finanzierungsmodellen und einer klügeren Verteilung von Risiken. Im Fokus standen dabei die Autobahn GmbH, Öffentlich-Private Partnerschaften und das Wasserstoffkernnetz.

„In Deutschland gibt es trotz des Investitionsbedarfes derzeit zu wenige Großprojekte mit Beteiligungsmöglichkeiten für private Investoren. Um die bestehende Investitionslücke zu schließen, sehe ich die Einbindung von privatem Kapital als dringend erforderlich an“, so das Urteil von Aida Welker, Mitglied der Geschäftsführung der KfW IPEX-Bank, deren Portfolio zu einem Drittel Investitionen in Deutschland umfasst.

"Um die bestehende Investitionslücke zu schließen, sehe ich die Einbindung von privatem Kapital als dringend erforderlich an."

Welker sah vor allem zwei mögliche Modelle, um hier voranzukommen: Eine an der ASFINAG orientierte Kreditfähigkeit der Autobahn GmbH oder das Modell der Öffentlich-Privaten Partnerschaft (ÖPP), welches sie anhand der möglichen Ausschreibung für die A61 erörterte: Im Rahmen des ÖPP-Modells würden die Bewerber die Finanzierung selbst einbringen und die Risiken hinsichtlich Bau, Erhaltung, Betrieb und Finanzierung übernehmen. Der Staat leiste im Gegenzug Verfügbarkeitszahlungen. Als Ausgleich für die übernommenen Risiken erwarten die privaten Akteure allerdings höhere Renditen im Vergleich zu Staatsanleihen.

Welker thematisierte im Zusammenhang mit dem Aufbau des Wasserstoffkernnetzes die Henne-Ei-Problematik. Die Lösung könnte darin bestehen, dass durch den Aufbau der Infrastruktur die Marktentwicklung angestoßen wird. „Die Refinanzierung erfolgt dann langfristig über Netzentgelte. Zur Überbrückung der anfänglich erwarteten Defizite kann ein Amortisationskonto als Ausgleichsmechanismus dienen“, so Welker.

Kritischer Blick auf ÖPP seitens der SPD

Kritischer Blick auf ÖPP seitens der SPD

Eine Ausweitung der Beteiligung privaten Kapitals beurteilte Isabel Cademartori MdB, Verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, mit Blick auf die höheren Kosten durch die Zinslasten als schwierig. „Bau, Erhalt und Betrieb sollten prioritär durch die öffentliche Hand erfolgen. Um den hohen Investitionsbedarf im Infrastrukturbereich zu decken, muss langfristig auch über eine Reform der Schuldenbremse oder andere Finanzierungsquellen nachgedacht werden“, so die SPD-Politikerin.

"Um den hohen Investitionsbedarf im Infrastrukturbereich zu decken, muss langfristig auch über eine Reform der Schuldenbremse oder andere Finanzierungsquellen nachgedacht werden.“

Cademartori ging auch auf den Entwurf des Verkehrsetats 2027 ein und betonte, dass die haushalterischen Rahmenbedingungen derzeit besonders herausfordernd seien. „Die Bundesregierung bewegt sich in einem Spannungsfeld aus dem zum Ziel gesetzten Investitionshochlauf, gleichzeitigem Sanierungsbedarf, dem über das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz (SVIK) begegnet werden soll, und einem hohen Konsolidierungsdruck. Durch die verschiedenen Finanzierungstöpfe kommen dem Sektor nicht nur Mittel aus dem Einzelplan EP12 zugute, sondern auch Gelder aus dem Sondervermögen SVIK, dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) und in Teilen auch aus dem Verteidigungshaushalt, über den militärisch relevante Vorhaben gedeckt werden sollen.“

Außerdem sei nicht nur die Höhe der Mittel ausschlaggebend, sondern es spielten auch die weiteren Rahmenbedingungen für den Mittelabfluss eine wichtige Rolle. Hierfür habe die Bundesregierung das Infrastrukturzukunftsgesetz auf den Weg gebracht.

Grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte in Europa: Warum es oft länger und teurer wird

Quellenangabe: Europäischer Rechnungshof/ Analyse 05/2021 „Der EU-Rahmen für große Verkehrsprojekte im internationalen Vergleich“
Quellenangabe: Europäischer Rechnungshof/ Analyse 05/2021 „Der EU-Rahmen für große Verkehrsprojekte im internationalen Vergleich“

Werden große transeuropäische Verkehrsprojekte (TEN-V) wirtschaftlich umgesetzt und wo liegen die Ursachen für Verzögerungen und Kostensteigerungen? Dazu stellte Manja Ernst, Prüferin beim Europäischen Rechnungshof, ihre Arbeit im Bereich der Wirtschaftlichkeitsprüfung von EU-Investitionen dem Lenkungskreis vor.

Ernst erklärte die Ergebnisse eines Sonderberichts zu den Projekten Fehmarnbeltquerung und Brennerbasistunnel: „Es gab erhebliche Verzögerungen und Kostenüberschreitungen vor allem, weil die Abstimmung zwischen den beteiligten Mitgliedstaaten unzureichend war. Insbesondere fehlten gemeinsame Verkehrsprognosen, länderübergreifende Kosten-Nutzen-Betrachtungen und eine koordinierte vorausschauende Planung der Zulaufstrecken. Auch unterschiedliche nationale Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren haben die Umsetzung zusätzlich erschwert.“

"Es gab erhebliche Verzögerungen und Kostenüberschreitungen vor allem, weil die Abstimmung zwischen den beteiligten Mitgliedstaaten unzureichend war. "

Außerdem stellte Ernst eine im Jahr 2021 veröffentlichte vergleichende Analyse der europäischen Infrastrukturplanung vor, wie sich der europäische Regelungsrahmen im internationalen Vergleich bewähre. Danach schnitt die europäische Planung bei der langfristigen strategischen Ausrichtung im internationalen Vergleich gut ab. Es gebe klare Ausbauziele für das transeuropäische Verkehrsnetz. „Allerdings bestanden zum Zeitpunkt der Prüfung deutliche Defizite bei der grenzüberschreitenden Koordinierung, der Projektüberwachung und der einheitlichen Bewertung von Kosten und Nutzen. Die Bindung an mehrjährige EU-Haushaltszyklen verursachte außerdem extra Verwaltungsaufwand und weitere Verzögerungen.“

Im Vergleich zu anderen Ländern waren die Kostenüberschreitungen europäischer Projekte nicht außergewöhnlich hoch – bei den Bauzeiten sah es jedoch schlechter aus. Wichtige Verbesserungsmöglichkeiten steckten in einer stärkeren europäischen Koordinierung, risikoorientierten Steuerung, langfristig gesicherten Finanzierung und einer systematischen Auswertung abgeschlossener Projekte, damit gewonnene Erkenntnisse direkt in neue Vorhaben einfließen.

Funktionale Ausschreibungen: Das Ergebnis zählt, nicht die Bauanleitung

Die Experten Sascha Häfner, Abteilungsleiter Vergaberecht, und Thomas Maack, Technisches Vergabemanagement, beide von der Autobahn GmbH des Bundes, berichteten, dass funktionale Ausschreibungen im Infrastrukturbau immer mehr an Bedeutung gewännen. Statt einer detaillierten technischen Lösung schreibe der Auftraggeber das gewünschte Ergebnis aus, damit Bauunternehmen ihr gesamtes Know-how einbringen, innovative Ideen entwickeln und kostengünstigere sowie nachhaltigere Lösungen finden können.

Solche Vergaben haben hohe Anforderungen: Die Bewertung sehr unterschiedlicher Lösungsvorschläge ist komplex, und eine faire Verteilung der Risiken zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer ist entscheidend für den Erfolg. Das Interesse an effizienteren Verfahren wie den funktionalen Ausschreibungen wachse laut den Experten.

Bisher wurden sie vor allem bei kleineren, technisch überschaubaren Bauwerken eingesetzt. Aktuelle Pilotprojekte zeigen jedoch, dass sie auch bei größeren Infrastrukturmaßnahmen beträchtliches Potenzial mitbringen. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass Bauunternehmen bereits in der frühen Planungsphase eingebunden werden und ihr Praxiswissen direkt in wirtschaftliche und innovative Konzepte einfließt.

Was für den Erfolg nötig ist

Die Experten betonten, dass für einen Erfolg die bestehende Vergabe-, Planungs- und Genehmigungsprozesse angepasst werden müsse. Die technische Ausgestaltung eines Bauwerks entstehe erst im Dialog zwischen allen Beteiligten. Neben klaren rechtlichen Rahmenbedingungen ist vor allem eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit entscheidend. Funktionale Ausschreibungen sind ein wichtiger Baustein für eine moderne, innovative und effizientere Infrastruktur in Deutschland.