Digitale Souveränität – die Industrial AI Cloud als Kick-off

17.09.2026

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©Deutsche Telekom
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Deutschland und Europa müssen in Puncto digitale Souveränität besser werden. Im Lenkungskreis Digitale Vernetzung präsentierte Dustin Tonn die Strategie und Projekte von T-Systems International. Weiterhin ging es im Lenkungskreis um die Revision des Cybersecurity Acts und was damit auf die Unternehmen zukommt. Im Rahmen unserer Reihe „KI in der Praxis“ stand das Capacity and Traffic Management System auf der Schiene von der DB InfraGO im Fokus.

Im Mittelpunkt des Vortrags von Dustin Tonn, Head of Business Unit Road & Mobility, T-Systems International GmbH, stand die Industrial AI Cloud, die als souveräne KI-Infrastruktur für Deutschland und Europa konzipiert wurde. „Ziel des Angebots ist es, leistungsstarke GPU-Rechenkapazitäten als Service (GPUaaS) bereitzustellen und damit eine europäische Alternative zu Cloud-Anbietern aus Nicht-EU-Staaten zu schaffen. Unternehmen und Forschungseinrichtungen sollen so flexibel auf moderne KI-Rechenleistung zugreifen können, ohne selbst hohe Investitionen in eigene Hardware tätigen zu müssen“, erklärte Tonn. Damit soll die Plattform einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der digitalen Souveränität in Europa leisten.

Tonn erläuterte die zentralen Einsatzbereiche der Industrial AI Cloud, die in weniger als sechs Monaten in München aufgebaut wurde. Sie reiche vom Training und Betrieb leistungsfähiger KI-Modelle über die Echtzeitverarbeitung großer Datenmengen bis hin zu komplexen Simulationen und digitalen Zwillingen. „Grundlage sind moderne GPU-Systeme auf Basis von NVIDIA-Technologie in einer leistungsfähigen Rechenzentrumsinfrastruktur, in deren Aufbau die Deutsche Telekom rund eine Milliarde Euro investiert hat. Lediglich die eingesetzten Chips stammen nicht aus europäischer Produktion.“

„Ziel des Angebots ist es, leistungsstarke GPU-Rechenkapazitäten als Service (GPUaaS) bereitzustellen und damit eine europäische Alternative zu Cloud-Anbietern aus Nicht-EU-Staaten zu schaffen."

Ein anschauliches Beispiel für die praktische Nutzung ist laut Tonn das Forschungsprojekt „SOOFI“ (Sovereign Open Source Foundation Model). Unter Federführung der Leibniz Universität Hannover entstehe gemeinsam mit weiteren Forschungseinrichtungen ein souveränes Open-Source-Sprachmodell für Deutschland und Europa. Für das Training würden rund 1.000 GPUs der Industrial AI Cloud eingesetzt. Zum Abschluss präsentierte Tonn weitere Anwendungsbeispiele aus der Industrie und dem Sicherheitsbereich. Dazu zählen unter anderem technische Simulationen sowie KI-gestützte Echtzeitanalysen, die zeigen, wie leistungsfähige Recheninfrastrukturen Innovationen beschleunigen und neue Einsatzmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz eröffnen können.

KI im Praxiseinsatz auf der Schiene

Quelle: DB InfraGO AG
Quelle: DB InfraGO AG

Dr. Moritz Heimes, Leiter CTMS, DB InfraGO AG, und Dr. Michael Küpper, CTMS Ambassador, DB InfraGO AG, stellten das KI-basierte Capacity & Traffic Management System (CTMS) ihres Unternehmens vor, welches im Rahmen der Digitalisierung des Bahnsystems entwickelt wird.

Ziel des Systems ist es, die Kapazitätsplanung und Verkehrssteuerung im Schienenverkehr künftig weitgehend zu automatisieren und so den wachsenden Anforderungen eines immer stärker ausgelasteten Bahnnetzes gerecht zu werden. Derzeit erfolgen Fahrplanerstellung und Disposition noch überwiegend manuell, wodurch insbesondere bei Störungen wertvolle Zeit verloren geht.

Dr. Heimes zum technologischen Ansatz des Projekts: „Klassische Optimierungsverfahren kommen angesichts der betrieblichen Komplexität und Größe des deutschen Eisenbahnnetzes an ihre Grenzen.“ Deshalb setze die DB InfraGO auf Künstliche Intelligenz (KI) in Form von Deep Reinforcement Learning. „In einer eigens entwickelten Simulationsumgebung trainieren KI-Agenten anhand von Millionen von Durchläufen, Zugfahrten zu optimieren und flexibel auf Störungen zu reagieren.“ Der größte Rechenaufwand entstehe dabei während des Trainings der Modelle. „Ist das Modell einmal trainiert, können neue Dispositionsfahrpläne innerhalb weniger Sekunden berechnet werden“, erklärte Heimes.

„In einer eigens entwickelten Simulationsumgebung trainieren KI-Agenten anhand von Millionen von Durchläufen, Zugfahrten zu optimieren und flexibel auf Störungen zu reagieren.“

Dr. Moritz Heimes

Im Anschluss präsentierte Dr. Küpper erste Ergebnisse aus der praktischen Erprobung. Anhand eines simulierten Störfalls im Bahnknoten Magdeburg demonstrierte er, wie das CTMS die Fahrpläne in Echtzeit neu berechnet, Züge umleitet und dabei nicht einzelne Konflikte isoliert löst, sondern den Verkehrsfluss des gesamten Netzes optimiert. „Wir betrachten nicht den einzelnen Zug, sondern die Auswirkungen jeder Entscheidung auf das Gesamtsystem“, erläuterte Küpper. „Weitere Simulationen, unter anderem für den Digitalen Knoten Stuttgart, haben gezeigt, dass selbst komplexe Störungsszenarien innerhalb kürzester Zeit bewältigt werden können.“

„Weitere Simulationen, unter anderem für den Digitalen Knoten Stuttgart, haben gezeigt, dass selbst komplexe Störungsszenarien innerhalb kürzester Zeit bewältigt werden können.“

Dr. Michael Küpper

Zum Abschluss gab Küpper einen Ausblick auf die nächsten Entwicklungsschritte. Das CTMS solle schrittweise über Pilotprojekte in den praktischen Bahnbetrieb integriert werden. Die technische Leistungsfähigkeit sei bereits weit fortgeschritten, für einen produktiven Einsatz seien jedoch noch umfangreiche Schnittstellen, Zulassungen und Zertifizierungen erforderlich. „Langfristig wird das System dazu beitragen, den Bahnverkehr zuverlässiger, leistungsfähiger und stabiler zu machen“, fasste Küpper die Vision des Projekts zusammen.

Revision des Cybersecurity Acts – was kommt auf die Unternehmen zu?

Bildquelle DVF: V. l. o. n. r. u.: Tonn; Finke, DVF-Lenkungskreisvorsitzende, DEKRA SE; Dr. van Hoorn, DVF; ​​​​​​​Dr. Küpper; Heynike; Paitzies, DVF
Bildquelle DVF: V. l. o. n. r. u.: Tonn; Finke, DVF-Lenkungskreisvorsitzende, DEKRA SE; Dr. van Hoorn, DVF; ​​​​​​​Dr. Küpper; Heynike; Paitzies, DVF

Francois Heynike, Partner und Leiter IT- und Datenschutzrecht bei KPMG Law, gab einen Überblick über die aktuellen regulatorischen Entwicklungen der Europäischen Union im Bereich Digitalisierung und Cybersicherheit. „Die verschiedenen Gesetzespakete verfolgen das Ziel, die digitale Souveränität Europas zu stärken, einheitliche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen sowie Datenschutz und Cybersicherheit nachhaltig zu verbessern.“ Gleichzeitig äußerte er deutliche Kritik an der praktischen Umsetzung: „Viele Regelungen sind bislang nicht ausreichend konkretisiert. Hinzu kommt, dass Unternehmen von den zuständigen Behörden häufig nur unzureichende Orientierung erhalten, und das führt in der Praxis zu erheblicher Unsicherheit und Frustration.“

„Viele Regelungen sind bislang nicht ausreichend konkretisiert. Hinzu kommt, dass Unternehmen von den zuständigen Behörden häufig nur unzureichende Orientierung erhalten, und das führt in der Praxis zu erheblicher Unsicherheit und Frustration.“

Weiterhin erläuterte Heynike die Zielsetzungen der wichtigsten europäischen Cybersecurity-Regelungen. So solle der Cyber Resilience Act die Sicherheit digitaler Produkte über deren gesamten Lebenszyklus hinweg gewährleisten. Die NIS2-Richtlinie verpflichte Unternehmen in kritischen Sektoren zur Einführung umfassender Risikomanagementsysteme. „Für viele Unternehmen beginnt damit eine völlig neue Phase verbindlicher Anforderungen an die IT-Sicherheit“, machte er deutlich.

Cybersecurity Act (CSA2)

Anschließend ging Heynike auf die geplante Überarbeitung des Cybersecurity Act (CSA2) ein. Dieser solle europaweit einheitliche Zertifizierungsstandards schaffen und insbesondere die Sicherheit digitaler Lieferketten stärken. Künftig würden auch geopolitische Risiken stärker berücksichtigt. „Es geht nicht mehr nur um technische Sicherheit, sondern auch um die Frage, von wem kritische Technologien stammen“, erläuterte er. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten Unternehmen daher künftig verpflichtet werden, einzelne Anbieter oder Technologien auszutauschen. Zudem werde der Anwendungsbereich auf alle Unternehmen erweitert, die eine wesentliche Rolle in sicherheitsrelevanten Lieferketten einnehmen.

„Es geht nicht mehr nur um technische Sicherheit, sondern auch um die Frage, von wem kritische Technologien stammen.“

Heynike riet den Unternehmen, sich frühzeitig mit den neuen Vorgaben auseinanderzusetzen und mögliche Auswirkungen auf das eigene Geschäft zu prüfen. Die grundsätzliche Zielrichtung der europäischen Gesetzgebung bewertete er positiv. Gleichzeitig forderte er jedoch „klarere Vorgaben und mehr Unterstützung bei der praktischen Umsetzung“. Insbesondere der europäischen Cybersicherheitsagentur ENISA komme aus seiner Sicht künftig eine deutlich stärkere Rolle zu.