Agnes Heftberger

In Zukunft digital

Seit März 2019 verantwortet Agnes Heftberger als Vice President den Bereich Vertrieb der IBM in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist seit Juni 2019 Mitglied der Geschäftsführung der IBM Deutschland. Zur IBM kam Heftberger 2001. Das DVF wollte von der Magagerin wissen, wie Digitalisierung die Mobilität und unser Mobilitätsverhalten verändert und wie die Zukunft aussehen könnte.

Agnes Heftberger
Agnes Heftberger

Frau Heftberger, der Verkehrssektor spielt für das Erreichen anspruchsvoller Klimaziele eine unbestritten entscheidende Rolle. Ist Digitalisierung dabei das Instrument schlechthin, um Mobilität klimaschonender zu organisieren?

Davon bin ich fundamental überzeugt. Da gibt es ganz viele Hebel. Ich würde sogar sagen, die Digitalisierung des Verkehrssektors muss vorangetrieben werden, um überhaupt in der Lage zu sein, die ambitionierten Klimaziele umzusetzen. Es ist kein möglicher, sondern ein notwendiger positiver Mehrwert.

Wo zum Beispiel könnte dieser Mehrwert schnell deutlich werden?

Wenn es für den Individualverkehr eine Reiseplattform gäbe, auf der ich als Reisende mit einem Knopfdruck erkenne, wie ich von A nach B komme, auch wenn ich unterschiedlichste Verkehrssysteme dafür nutze; wenn ich Klarheit habe, wie die Verkehrssysteme ineinandergreifen, wenn ich dann gleich auch noch ein Ticket kaufen kann und meinen CO2-Footprint sehe; wenn ich das dann wiederum mit Reisealternativen vergleichen könnte – dann wäre das ein idealer Weg, um Klimaziele besser zu erreichen. Aber im Moment ist diese Transparenz leider noch nicht da.

Ich würde sogar sagen, die Digitalisierung des Verkehrssektors muss vorangetrieben werden, um überhaupt in der Lage zu sein, die ambitionierten Klimaziele umzusetzen.

Wenn Sie den Grad der Digitalisierung des Verkehrssektors im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen bewerten müssten, wo stehen wir?

Das lässt sich nicht pauschal bewerten. Es gibt inzwischen sehr gute Ansätze zur Digitalisierung. Was fehlt, ist die Digitalisierung im großen Stil.

Woran liegt das?

Im Verkehrssektor haben wir natürlich viel Infrastruktur, die in anderen Sektoren nicht erforderlich ist. Das ist schon mal per se ein Hemmschuh, um die Digitalisierung so schnell voranzutreiben wie andere Dienstleistungsbereiche.

Zum Beispiel . . .

. . . die Digitalisierung der Schiene ist sicher kein einfaches Unterfangen. Das gleiche gilt für intelligente Straßen. Beides muss aber unbedingt auf der Agenda bleiben.

Die zentralen Defizite liegen also weniger in der Technologie oder auf Herstellerseite als auf Seiten der Anwender?

Ich glaube, es stehen die meisten, wenn nicht alle technologischen Bausteine längst zur Verfügung. Was fehlt, ist das Zusammenfügen dieser Bausteine zu einem großen Ganzen – und das würde ich gar nicht ausschließlich auf der Anwender- oder Industrieseite verorten. Da müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, die es den Anbietern einfacher machen zu digitalisieren. Da sind Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen gefordert. Diesen Kraftakt werden Hersteller sicher nicht alleine leisten können.

Digitalisierung dürfte eines der Kernthemen einer künftigen Bundesregierung sein. Wie kann, wie muss der Staat unterstützen?

Zunächst sollte Politik einmal so ambitioniert sein, einen Quantensprung in der Digitalisierung des Verkehrs machen zu wollen. Und dafür braucht es eben die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Sektoren, von der öffentlichen Hand bis hin zur Telekommunikation. Diese Handlungsnotwendigkeit zu erkennen, das wäre der wichtigste Punkt. Und dann gäbe es mehrere klare Felder, die ambitionierter und synchron angegangen werden müssen, wie den Ausbau der Glasfasernetze, die Vernetzung von Datenpools oder die Überarbeitung der Datenschutz-Grundverordnung. Diese Notwendigkeiten hat das Deutsche Verkehrsforum in seinem Maßnahmenpaket für eine Digitalwende ausführlich formuliert.

Zunächst sollte Politik einmal so ambitioniert sein, einen Quantensprung in der Digitalisierung des Verkehrs machen zu wollen. Und dafür braucht es eben die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Sektoren, von der öffentlichen Hand bis hin zur Telekommunikation.

Verkehr und Digitalisierung sind weiter in einem Ministerium. Wie bewerten Sie das?

Das kommt auf die Ausgestaltung an. Es gibt klare Synergien für die intelligente Mobilität. Es gibt aber auch viele Überschneidungen mit den Zuständigkeiten anderer Ministerien. Darum kommt das facettenreiche Thema Digitalisierung ohne eine Steuerungskompetenz des Verkehrs- und Digitalministers innerhalb der Bundesregierung nicht voran. Ohne Weisungsbefugnis geht es nicht, das würde im Übrigen auch für ein reines Digitalministerium gelten.

Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz, Cloud und Blockchain bei der Digitalisierung?

Die sind die Basis. Und die Unternehmen sind bereit, diese Technologien einzusetzen. Das haben die vergangenen Jahre bewiesen.

Die Wirtschaft selbst scheint sich allerdings noch sehr zurückzuhalten, was den Ausbau der von Ihnen geforderten Netzwerke und den Austausch von Datenschätzen angeht.

Der Start war zweifellos etwas verhalten, aber nicht aus Angst vor der Technologie. Das sind unternehmerische Entscheidungen. Die Unternehmen haben den Wert ihrer Daten erkannt. Aber inzwischen gibt es ja interessante Ansätze etwa bei Plattformen zur weltweiten Abwicklung von Frachttransporten. Eine gewisse Bereitschaft zur Kooperation und ein Vertrauen in die Datensicherheit muss es allerdings geben. Jetzt sind wir auf einem Pfad, auf dem das nicht nur erkannt ist, sondern auf dem auch agiert wird.

Auch Nutzer sind skeptisch. Etwa wenn es um die Einführung autonomer Fahrzeuge oder Datensicherheit geht.

Die Pandemie hat das digitale Konsumverhalten - und damit meine ich jetzt nicht Netflix, sondern beispielsweise digitale Services - stark nach oben getrieben. Da sind die Menschen offener geworden. Grundsätzlich muss Digitalisierung immer vom Nutzer ausgehen, ob das Beschäftigte in einem Hafen sind oder Arbeiter in der Wartung von Güterwaggons. Nur wenn man diese Nutzer im Kopf hat, dann hat man auch eine Chance auf Akzeptanz. Alles was wir in der Digitalisierung tun, muss vom Menschen ausgedacht werden.

Grundsätzlich muss Digitalisierung immer vom Nutzer ausgehen, ob das Beschäftigte in einem Hafen sind oder Arbeiter in der Wartung von Güterwaggons.

Was vor allem eine Aufgabe der Mobilitätswirtschaft wäre. Und der Staat?

Der Staat sollte die positiven Effekte der Digitalisierung fördern. Tragen kleine und mittlere Unternehmen gleichermaßen Nutzen davon? Und natürlich muss digitale Bildung als Kernaufgabe des Staates gesehen werden. Der Staat muss das alles begleiten, selbst Vorbild sein und kann sich keinesfalls zurücklehnen und zuschauen, wie sich die Dinge entwickeln.

Frau Heftberger, Deutschland in zehn Jahren: Werden wir mit einem Klick Auskunft und ein durchgehendes Ticket für Zug, Bus, Flugzeug, Hotel per Handy erhalten? Werden Liefer- und Zolldokumente aus Papier nur noch museale Stücke sein? Wird der Lkw-Fahrer zum Fernpiloten seines 40-Tonners und teilt die Eisenbahnweiche selbständig mit, dass sie erneuert werden muss?

Technologisch ist das alles schon heute machbar. Und vieles wird ja schon in Pilotprojekten ausprobiert. Vor allem der Wille zur Umsetzung ist bei vielen Akteuren da, mit dem Ziel, in zehn Jahren einen großen Schritt weiter zu sein.